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Wo Licht ist, ist auch Schatten

Eine Geschichte zu der dunklen Seite der Herrin vom See.

 


Zu einer Zeit als das Land noch jung und die Herrschenden ungestüm waren, gab es wenig Einheit und jeder strebte vor allem anderen danach seine Besitzungen und Machtansprüche zu mehren. So lebten die Menschen zwischen Zwist und Streitereien ihrer Herren und so mancher suchte Trost und Rat bei einer der weisen Frauen vom See.

So auch Henry le Feu, der Sohn eines Lords, der darunter litt, dass sein betagter Vater das Anwesen immer seltener verließ und die Grenzen seiner Länderein immer näher zusammenrückten, weil andere sich nahmen, was nicht verteidigt wurde. Er suchte Rat bei der Priesterin Morgaine, die trotz ihres jungen Alters bereits in die höheren Kreise der Priesterschaft aufgestiegen war und die auch über die Landesgrenzen hinaus als besonders sanftmütig und weise galt. Morgaine gab dem ungestümen Henry den Rat, er solle sich mit seinen Feinden verbünden, statt sie zu bekämpfen. Und genau das tat Henry mit der Zustimmung seines alten Vaters.

Als nach weiteren Jahren schließlich der alte Lord starb, gab es ein neuerliches Aufbegehren der benachbarten Lords, die versuchten sich das Gebiet der le Feus einzuverleiben. Doch Henry zwang sie in die Knie. Doch nahm er ihnen nicht ihr Land, sondern ließ ihnen die Herrschaft. Er machte sie aber zu seinen Lehnsleuten. So mehrte Henry le Feu seine Macht und auch das Land, das unter seiner Herrschaft stand. Die alten Lords aber im Zaum zu halten, bedurfte nicht selten einer harten Hand. Und so kam es, dass Henry le Feu bald als Herrscher bekannt war, der zwar gerecht, aber auch grausam und unnachgiebig war.

Zu dieser Zeit etwa wurde Henry bewusst, dass er weder Frau noch Stammhalter hatte und wie vor Jahren wandte er sich an die Herrin vom See: Es gibt eine unter euch, die mir einst einen weisen Rat gab. Einen Rat, der mich dahin brachte, wo ich jetzt bin. Diese Priesterin soll meine Angetraute werden!

Morgaine, die zwischenzeitlich noch weiter in den Kreisen der Priesterschaft aufgestiegen war, erhielt Kunde von Henrys Gesuch. Sie erinnerte sich an den stattlichen Sohn des alten Lords und sie war seinem Anliegen nicht abgeneigt. In der Nacht, als der volle Mond am höchsten stand, erwachte Morgaine aus ihrem Schlaf. Apfelblüten wehten zum Fenster herein, obwohl es der Jahreszeit nach die Zeit der reifen Felder war, und Morgaine wusste, dass etwas Besonderes bevorstand. Barfuß ging sie im Nachtgewand nach draußen in den Garten. Am Brunnen wartete eine weiß schimmernde Gestalt. Die Unterredung war kurz, aber die Botschaft umso eindeutiger. „Morgaine“, sagte die Gestalt, „es ist keine Leichtigkeit, die vor dir liegt. Aber das Land und die Menschen dürsten nach Frieden und Sicherheit. Jener Henry le Feu meint es im Grunde seines Herzens gut. Aber seine Mittel sind Gewalt und Unterdrückung. Nur du an seiner Seite vermagst es, ihn milde zu stimmen und dem Land und seinen Menschen Frieden zu bringen.“

Morgaine wollte es gerne annehmen, die Frau des Lords zu werden. Doch die leuchtende Gestalt hatte noch etwas zu sagen. „Morgaine“, setze sie noch einmal an. „Du wirst die Herausforderung meistern, so klingt es schon jetzt in den Fluten des Sees. Doch wird das gute Gelingen an eine Bedingung geknüpft sein: du darfst Henry le Feu keinen männlichen Erben schenken!“ Morgaine hauchte ein ersticktes: „Warum nicht?“ Die Gestalt lächelte milde: „Ein Sohn würde Henrys Herz verhärten. Ein Sohn würde das Erbe des Vaters auf noch grausamere Weise antreten, als es jetzt schon gelebt wird. Nur ein Mädchen vermag es, deine Sanftmut und Güte, Morgaine, in Henrys Herz so sähen.“ Und mit diesen Worten verblasste die Gestalt und Morgaine blieb allein im nächtlichen Garten zurück.

Ein Jahr später etwa war aus Morgaine Morgaine le Feu geworden. Sie hatte Herny geheiratet. Und es war in den Tagen, als die Herbststürme einsetzen, als Morgaine wusste, dass sie ein Kind erwartete. Henry war außer sich vor Freude und bald schon sprach er von nichts anderem mehr als von dem Stammhalter, der ihm nun bald geboren werden würde. Morgaine spürte, dass ihr Mann recht hatte und dass sie einen Sohn unter dem Herzen trug. Sie erinnerte sich an die Prophezeiung, aber sie brachte es nicht übers Herz, das Kind gehen zu lassen. Keine böse Vorahnung und kein dunkler Traum vermochte es, sie umzustimmen. In jener Nacht, als Morgaine in den Wehen lag, hielt es Henry nicht innerhalb der Burgmauern. Die Schreie seiner Frau trieben ihn hinaus. Und obwohl er meinte, ziellos durch die Dunkelheit zu reiten, fand er sich bald am Ufer des Sees wieder. Er saß ab, ging zum Ufer, berührte mit der Hand die Wasseroberfläche und murmelte eine ehrfürchtige Bitte an die Herrin vom See. Da verdunkelte sich der Mond am Himmel und aus der Schwärze der Nacht entstand ein gleißendes Licht, das ihn blendete und den Blick senken ließ. Da vernahm Henry le Feu die Stimme einer Frau: „In diesem Moment wird dir ein Thronfolger geboren. Doch wisse, dass dir damit nur ein kurzes Glück beschert sei.

Deine Frau versprach einst, dass sie niemals einem Jungen das Leben schenken würde. Sie hat ihren Schwur gebrochen und nun wird Dunkelheit dein Leben heimsuchen. Binnen eines Jahres wird nichts mehr von dem bleiben, was du nun dein Eigen nennst.“ Henry le Feu riss die Augen auf. In purer Verzweiflung preschte er ein paar Schritte ins Wasser hinein auf das Licht zu. „Was?!“ schrie er. „Was muss ich tun? Wie kann ich es aufhalten?“ Die Stimme schwieg. Doch wie fremd geleitet senkte sich seine Hand auf den Schwertknauf an seinem Gürtel. Henry kehrte auf sein Anwesen zurück, wo er seinen kleinen Sohn in die Arme nahm und glücklich war. Am folgenden Tag kam ein Bote an, der von einem aufrührerischen Lehnsherren Kunde brachte. Henry veranlasste entsprechende Maßnahmen, dachte aber nicht weiter darüber nach und ging schnell, seinen Sohn in die Arme zu nehmen. Am Tag darauf entfachte ein Funke Feuer im Getreidespeicher und ließ die Hälfte der Ernte eines Jahres in Flammen aufgehen. Da kam Henry das erste Mal der Gedanke, das könne mit der dunklen Prophezeiung zusammenhängen. Am dritten Tag nach der Geburt seines Sohnes stürzte das Dach der Stallungen ein und begrub drei seiner besten Pferde unter sich. Als am vierten Tag die Kunde kam, das jener aufwieglerische Lehnsherr Soldaten um sich geschart hatte und zum Kampf gegen das Haus le Feu rief, entschied Henry, dass Handeln geboten ist.

Er erklärte seiner Frau, es sei nun höchste Zeit, dass der Sohn im Namen der Herrin vom See getauft würde und beraumte die Zeremonie noch für den gleichen Tag an. So stand eine kleine Gefolgschaft in den Abendstunden am Ufer des Sees. Die untergehende Sonne tauchte die Fluten in gleißend rot goldenes Licht. Da nahm Henry den Sohn seiner Frau aus den Armen und ging mit ihm ein paar Schritte ins Wasser hinein. Plötzlich wehten Apfelblüten vom Himmel. Der See schien aus sich heraus zu leuchten. Henry le Feu stand mit dem Rücken zur Gesellschaft. Er blickte auf seinen nur wenige Tage alten Sohn in seinem Arm hinunter. Da hörte er den spitzen Schrei seiner Frau Morgaine, die wohl in jenem Moment begriffen
hatte, was nun folgen würde. Henry le Feu drehte sich nicht um. Aber als er aufblickte, stand unmittelbar vor ihm jene weiße leuchtende Frau, die ihm in der Nacht der Geburt seines Sohnes jene dunkle Zukunft vorhergesagt hatte.

Morgaine am Ufer schrie immer noch. Henry musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass jemand sie festhielt und mit aller Gewalt daran hinderte, ihm hinterher zu stürmen und das Kind an sich zu reißen. Henry ließ sich nicht beirren. Er trat auf die gleißende Gestalt in den Fluten zu, legte ihr seinen Sohn in den Arm, drehte dann um und ging ohne einen weiteren Blick zum Ufer zurück. „Mein Land wird nicht untergehen“, sagte er zu seiner Frau. Die mit weit aufgerissenen Augen noch immer versuchte, sich aus dem eisernen Griff der Wachleute zu befreien. „Meinen Erstgeborenen im Tausch gegen das Vermächtnis meines Lebens. Das ist die Abmachung. So ist es der Wille der Herrin vom See.“ Und mit diesen letzten Worten erstarb der Widerstand von Morgaine und auch das Leuchten in ihren Augen erlosch. Es wich einem anderen Ausdruck – einer Leere. Die Männer, die sie festgehalten hatten, ließen sie los. Morgaine stand aufrecht. Ihr Gesicht schien wie versteinert. Sie wandte sich von der ebenfalls wie erstarrt schweigenden Gesellschaft ab dem See zu.

Mit eisiger, trockener Stimme sprach sie: „Du hast mir meinen Sohn genommen! Wisse, dass ich all mein Wissen und meine Kraft nutzen werde, dir den Schmerz zuzufügen, den du mir damit bereitet hast. Morgaine le Feu ist nicht länger deine Priesterin!“ Mit diesen Worten wandte sich Morgaine ab. Niemand hielt sie auf, als sie in die Nacht hineinging. Niemand sah sie je wieder. Und so geriet in Vergessenheit, was an jenem Abend am See geschehen und gesagt worden war. Doch ein Fluch, ausgesprochen von einer betrogenen Mutter, vergeht nicht und so wuchs im Dunkel ein Schatten
von großer Macht. Hütet euch, ihr Anhänger der Herrin vom See, vor jenem Tag, da sich dieser Schatten auf euch und eure Kinder legt.

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